Soccer momSoccer mom

26.10.2009

Es gibt da etwas, das es nicht gibt. Ein amerikanischer Fußballbegriff! Für den es kein deutsches Wort gibt! Das Wunder heißt Soccer mom und, tja, wenn man es übersetzen will, wird es nicht nur schwierig: Weder Fußballmutti noch Fußballmutter passen so richtig. Doch der tückische Begriff zeigt auf unglaubliche Weise, wie man mit Fußball die Welt erklären kann. Vergleichen wir einfach mal den Sound: Ein cool gesprochenes „Soccer mom“ gegen ein mit leicht aufgeregter Stimme gesprochenes „Fußballmutti“. Das klingt wie der Unterschied zwischen Barack Obama und Franz Müntefering. Oder zwischen der Clinton-Familie und Guido Westerwelles Lebensgefährten. Beim Wort Fußballmutti hingegen denkt man unwillkürlich an selbstgebackenen, leicht angebrannten Kuchen, der beim völlig verregneten C-Jugend-Turnier unter einem zu kleinen Sonnenschirm auf Papptellern angeboten wird. Nicht schön ist das. Soccer mom hingegen hat schon den Sprung in Lexika und politische Enzyklopädien geschafft. Von der American Dialect Society wurde es 1996 zum Wort des Jahres gewählt, und The Vandals haben ihm einen Song gewidmet: „ My soccer mom, it's on“.

Dass Begriffe aus dem Fußball die Alltagssprache erobert haben, ist bekannt: Eigentore werden nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Berufsleben erzielt. Ausgewechselt werden nicht nur müde Stürmer, sondern auch nicht mehr motivierte Mitarbeiter. Und gemauert wird nicht nur, wenn eine von Friedhelm Funkel trainierte Mannschaft spielt, sondern man den neuen Chef nicht mag – die Abteilung zieht sich dann in die eigene Hälfte zurück. Mit Begriffen, also: mit Fußballbegriffen kann man auch die Welt erklären. Wie das geht, hat niemand so penetrant vorgeführt wie Franz Müntefering, der scheidende SPD-Chef. Bei dem liefen seine Gegner ständig ins Abseits, Münte selbst lag mal zur Halbzeit knapp zurück und hoffte auf den Anschlusstreffer, mal wollte er Rechte, mal die Linke vom Platz stellen, und zurzeit bereitet sich seine Partei aufs Rückspiel vor. Fußball-Münte ist sprachlich sehr nah bei Fußballmutti. Deren selbstgebackener Kuchen auf dem Pappteller passt nicht nur zum C-Jugendturnier, sondern auch zum Bezirksparteitag. Mit einem coolen Wort wie Soccer mom hat das nichts zu tun. Aber warum sollte man ausgerechnet in den USA mit einem Fußballbegriff die Welt erklären können? Da hat man sich seine politischen Begriffe bislang lieber aus dem Baseball oder American Football entliehen: Strike Out, Raumgewinn, Home Run oder Fielgoal. So redet in Deutschland tatsächlich niemand, nicht mal im Guido Westerwelle auf einer Pressekonferenz. Nun also Soccer mom. Das Wort bezeichnet eine akademisch ausgebildete Frau, die bloß der fußballverliebten Kinder wegen keine Karriere macht, sondern sie lieber mit einem praktischen Kombi in die nächste Neighborhood schaukelt. Sie stammt aus der Mittelklasse. Und dort wird Amerika gerade europäisch: Dass dort die Kids mittlerweile lieber Fußball statt Football spielen, zeigt dies. Damit ist klar, warum das Wort Soccer mom so unübersetzbar ist.

Martin Krauß

copyright: Martin Krauß

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