Ja, gut, ich sach ma
02.11.2009
Diese schöne Floskel gehört auf die Liste der aussterbenden Wörter: „Ja, gut“. Nun sind zwar weder das zustimmende „Ja“ noch das lobende „gut“ in ihrer sprachlichen Weiterexistenz wirklich bedroht. Aber zu Beginn eines Satzes gesprochen war das über ein Jahrzehnt die Standardantwort eines jeden Fußballers auf jede ihm gestellte Frage.
„Ja, gut, wie gesagt: Der Sieg war verdient.“ „Ähm, ja, gut, ich sag’ mal: Dazu will ich nichts sagen.“ „Ja, gut, wir haben schlecht gespielt.“ Heute, im Jahr 2009, ist das alles anders. Junge, selbstbewusste, redegewandte und intelligente Männer, die Abitur und Sinn für modische Kleidung haben, reden nicht mehr so. Außer Lukas Podolski.
Eine neue Fußballergeneration steht auf den Plätzen, die ja mittlerweile auch keine von Beton umrahmten Rasenflächen mehr sind, sondern Multifunktionsarenen. Diese klugen Kicker sprechen ein passableres Englisch als mancher professionelle Außenpolitiker. Und ihr Deutsch ist auch besser. Soll heißen: Es ist glatter, geschliffener, gewählter.
Die Jungs in kurzen Hosen reden nicht mehr, sondern sie geben Interviewstatements ab. Die Art, wie die Metzelders und Mertesackers sprechen, wirkt, als müssten sie bloß ein Pflichtspiel absolvieren.
Sagen wir: gegen Finnland.
Die Vermutung liegt nahe, dass Kicker, die anders sprechen, auch anders spielen. Früher war, wir erinnern uns wehmütig, der Fußball „kein Mädchenpensionat“. Da hätte man sich „den Arsch aufgerissen“ und „Gras gefressen“. Und wenn das nicht, dann wäre zumindest „für die Galerie“ gespielt worden, obwohl es da bekanntlich „keinen Blumenpott“ zu gewinnen gibt, bestenfalls die „goldene Ananas“.
Das waren noch Zeiten. Goldene Ananaszeiten! Ein Trainer „vom alten Schlag“ hätte nach einem Gurkenkick, den sein Team irgendwie noch nach Hause schaukelte, gesagt: „Hauptsache gewonnen“. Jogi Löw aber, der Fußballlehrer der neuen Kickergeneration, sprach nach dem jüngsten 1:1 gegen Finnland, er habe „wichtige Erkenntnisse gewonnen“. Es ist auch kein Zufall, dass Löw telegener ist als seine Vorgänger wie Berti Vogts oder Jupp Derwall. Und mit Trainingsanzug und Schirmmütze, wie weiland Helmut Schön, lässt sich ein Jogi Löw schon rein gar nicht und nie und nimmer auf der Bank nieder.
Ein großer Wandel im Fußball ist das. Wer aber glaubt, dass früher alles besser war, soll sich schnell nochmal auf Youtube das Spiel Deutschland-Österreich bei der WM 1982 anschauen. Schlechter geht’s auch heute nicht.
Und was das „Ja, gut“ und „wie gesagt“ und „ich sag’ mal“ angeht, gilt ja, dass solche Floskeln nur in kleinen Dosen erträglich und lustig waren. Ein Spieler, der so redet, gilt als Original, aber wirklich exakt nur ein Spieler. Die neue Spielergeneration, wie sie von Profis wie Michael Ballack repräsentiert wird, ist ja nicht nur eloquenter, sie hat ja auch tatsächlich mehr zu sagen. So ein Profi kann analytisch mehr aus einem Spiel rausholen, als dass er „bloß den Schlappen hingehalten“ hat.
Ja, gut, das schöne alte „ja, gut“ ist also bedroht. Das „Mädchenpensionat“ und die „Galerie“ auch, und die Gefahr, dass künftig Profis nicht mehr „auf Schalke“ antreten, sondern zum Pflichtspiel „nach Gelsenkirchen“ fahren, ist sehr groß.
Doch zum Trost gilt: Schlimmer kann es nicht kommen. Denn das fußballerische Grundgesetz bleibt unumstößlich: Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten, und das nächste Spiel ist immer das schwerste.
Martin Krauß
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